Statement der Demo-AG zur Demonstration am 8. März 2020

Liebe Freund*innen und Mitstreiter*innen,

dies ist ein Statement der Demo AG aus dem ‚Hamburger Bündnis zum internationalen 8. März Streik‘. Aufgrund der aktuellen Lage durch COVID-19 veröffentlichen wir unsere Stellungnahme erst jetzt mit einiger Verspätung. Außerdem hatten wir aufgrund der momentanen Situation leider nicht die Möglichkeit das Statement in der Vollversammlung zu diskutieren. Es wurde deshalb lediglich von der Demo-AG verfasst und erscheint nicht im Namen des gesamten Bündnisses.

Am 8. März waren wir mit über 6000 Menschen in Hamburg unter dem Motto „Ohne uns steht die Welt still“ auf der Straße! Dabei haben wir vielfältige Themen sichtbar gemacht, für die wir leider auch im Jahr 2020 noch immer kämpfen müssen. Lia Sahin, Girrrlitas (Mariybu und Wikiriot) und Fe.Male Treasure haben die Stimmung angeheizt, INKAN fem haben uns an der feministischen Performance gegen Gewalt „Un violador en tu camino“ teilhaben lassen und wir haben viele wichtige Redebeiträge gehört, u.a. von EFRAS, dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, der Kampagne Sexarbeit ist ArbeitNINA FraueN IN AktionWon‘t be erased Hamburg, dem Landesfrauenrat Hamburg e.V. und vielen mehr!

So empowernd und schön dieser Tag und unsere gemeinsame Demo auch war, ist leider nicht alles so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Einige Redebeiträge konnten aufgrund der zeitlichen Verzögerungen leider nicht gehalten und gehört werden. Dafür wollen wir uns entschuldigen! Wir finden es wichtig, dass diese Beiträge dennoch gehört werden und werden sie auf unseren Social Media Kanälen veröffentlichen.

Leider gab es weitere Sprüche, Plakate und Vorfälle auf der Demo, die nicht mit den Positionen des Bündnisses zu vereinbaren sind und von denen wir uns distanzieren wollen. Am Ende des Demozuges lief unter anderem zeitweise eine Gruppe von Personen mit MLPD-Flaggen und eigenen Lautsprecherboxen mit, über die eigene Redebeiträge gehalten und Kritik am Bündnis und dem zum 8. März verfassten Aufruf geäußert wurden, die nicht mit uns abgesprochen waren. Wir distanzieren uns hiermit von den Aussagen in den dort gehaltenen Redebeiträgen und von der MLPD und sind enttäuscht über dieses unsolidarische Verhalten! Damit möchten wir nicht sagen, dass wir Kritik am Bündnis nicht annehmen wollen. Wir sind für konstruktive Kritik dankbar, die durch die Teilnahme an unseren sonntäglichen Vollversammlungen an uns hätte herangetragen werden können. Eine solidarische Form der Kontaktaufnahme hat es jedoch im Vorfeld nicht gegeben.

Es gab vereinzelt Schilder, die für die Forderung des sogenannten „nordischen Modells“ von Sexarbeitsgegner*innen standen. Davon distanzieren wir uns als Bündnis klar. Wir sind solidarisch mit Sexarbeiter*innen. Sexarbeit ist Arbeit!
Das „nordische Modell“ kriminalisiert es, Sexarbeit in Anspruch zu nehmen. Es bietet damit keinen Schutz für Sexarbeiter*innen, sondern gefährdet ihre Lebensgrundlage. Dabei schützt es Sexarbeiter*innen auch nicht vor Übergriffen und erschwert es ihnen zur Polizei zu gehen, da viele von ihnen dann andere Konsequenzen, wie z.B. Repression oder Abschiebung fürchten müssen. Unterstützer*innen des nordischen Modells sprechen den Sexarbeiter*innen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab, indem sie die Möglichkeit „freiwillig“ Sexarbeiter*in zu sein für unmöglich erklären. Dabei muss klar zwischen freiwilliger, selbstbestimmt gewählter Sexarbeit und solcher aus Armut oder gar Zwangsprostitution unterschieden werden, die auch wir ablehnen.

Darüber hinaus wurden während der Demo Sprüche gerufen, mit denen sich andere Demoteilnehmer*innen nicht wohlfühlten. Hierbei geht es insbesondere um die Parole „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“. Auf den vor der Demo vom Bündnis verteilten Sprüchezetteln war dieser Spruch bewusst abgeändert in „Kein Bock auf Staat und Patriarchat“, um Raum für religiöse Feminismen zu lassen. Damit wir gemeinsam für einen intersektionalen Feminismus, einen Feminismus für alle kämpfen können, dürfen und wollen wir keiner Person vorschreiben, ob oder an welchen Gott sie glauben darf oder nicht.
Kritik an Religion sollte inhaltlich sein und nicht durch Parolen, die nur wenige Perspektiven berücksichtigen zum Ausdruck gebracht werden. Wir entschuldigen uns bei den Menschen, die sich durch diese Parole nicht mehr sicher auf der Demo gefühlt haben. Wir wollen im Bündnis anstoßen, uns stärker mit dem Thema Religion und Feminismus auseinanderzusetzen. Wir bedanken uns bei der Gruppe NINA FraueN IN Aktion für die konstruktive Kritik in ihrem Statement (1) zur Demo am 8. März. Wir befinden uns in einem ständigen Prozess unsere feministischen Kämpfe zu führen, zu verbinden und möglichst zugänglich zu machen. Wir wollen unsere Strukturen zu einem möglichst sicheren Raum machen, dabei können und müssen wir viel voneinander lernen und werden auch immer wieder Fehler machen.

Für das kommende Jahr müssen und werden wir uns zu einigen Themen im Voraus expliziter positionieren und unser Sicherheitskonzept für die Demo kritisch reflektieren und überarbeiten.

Wir bedanken uns bei allen, die uns im Vorfeld bei den Vorbereitungen unterstützt haben und allen, die mit uns am 8. März auf der Straße waren!

(1) Das Statement von NinA findet ihr hier:
https://www.facebook.com/fraueNINAktionHH/posts/2491805397735768?__tn__=K-R